Sonntag, 13. Juli 2014

Review | Johanna Adorjan - Eine exklusive Liebe




»Dieses Buch erzählt die Geschichte von Vera und István, die als ungarische Juden den Holocaust überlebten, 1956 während des Aufstands von Budapest nach Dänemark flohen und sich 1991 in Kopenhagen das Leben nahmen. Man fand sie Hand in Hand in ihrem Bett. Es ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe. Die Geschichte meiner Großeltern.« Johanna Adorján

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Zwei Menschen, die miteinander alt geworden sind, beschließen, sich das Leben zu nehmen. Er ist schwer krank, sie will nicht ohne ihn sein. An einem Sonntag im Herbst 1991 setzen sie ihren Plan in die Tat um.

Aber erst einmal zurück zum Anfang: Die Geschichte beginnt 1940 als Johannas jüdische Großeltern sich in Budapest kennenlernen. István, 31, Arzt, freundlich und voller jüdischem Witz; Vera, 20, Physiotherapeutin, schön, jedoch rau, verschlossen und geizig. Zwei Jahre nach ihrem Kennenlernen heiraten die beiden. Danach spitzt sich die politische Lage in Europa immer weiter zu und 1944 wird István wie zehntausend andere ungarische Juden ins Konzentrationslager Mauthausen gebracht. Die schwangere Vera kann in Budapest untertauchen. Nach der Befreiung durch die Amerikaner 1945 kehrt der Arzt nach Ungarn zurück. Um seine Karriere zu fördern, meldet István sich 1952 für ein halbes Jahr zum Einsatz im Koreakrieg, aus dem er heil wiederkehrt. Während der Zeit des Kommunismus verhält sich die Familie ruhig. Versucht nicht erneut durch ihre jüdische Abstammung aufzufallen. Als der Volksaufstand 1956 von der sowjetischen Armee blutig niedergeschlagen wird, fliehen István, Vera und die beiden Kinder nach Dänemark. Dort fangen sie ein neues Leben an und blicken scheinbar niemals zurück.

Das Buch erzählt Johanna Adorjans Suche nach ihrer Identität. Sie fühlt sich keinem Volk und keiner Religion zugehörig. Sie ist halb Jüdin, halb Deutsche. Geboren in Stockholm, wohnt sie nun in Berlin. Achtzehn Jahre nach dem Tod ihrer Großeltern besucht sie in ganz Europa deren Wegbegleiter, um Antworten auf ihre Fragen zu finden:

Was heißt es alles Mögliche „halb“ zu sein?
Wäre es nicht einfach etwas „ganz“ zu sein?
Und was bewegt ein elegantes, älteres Ehepaar, da sich ein Leben lang siezte, dazu Selbstmord zu begehen, nachdem es Jahrzehnte zuvor den Holocaust überlebt hat?

Obwohl auf ihrer Recherche nur wenig neue Fakten ans Licht kommen, so bringt diese Nachforschung Johanna doch drei neue Erkenntnisse, die ihr Leben verändern. Den letzten Tag  ihrer Großeltern im Herbst 1991 kann die Autorin dank der Polizeiakten sehr genau rekonstruieren. Ihr Selbstmord ist das konsequente Ende einer Liebe, die die ganze Welt ausschloss, sogar die eigenen Kinder.

Mir ist das Buch empfohlen worden und obwohl ich bei Empfehlungen skeptisch bin, wurde ich nicht enttäuscht. Ich finde den Klappentext etwas irreführend, denn es wird sehr schnell klar, dass diese „exklusive Liebe“ von der, der Titel spricht, nicht nur die zwischen Vera und István ist. Das eigentliche Thema der Erzählung ist nämlich die Liebe, die die Autorin für ihre Großmutter empfindet. Denn schließlich ist die größte Erkenntnis nach ihren Recherchen, die, dass ich die beiden Frauen sehr ähnlich sind.

Die Sprache, der Stil lässt erkennen, dass die Autorin seit langem als freie Autorin und Redakteurin für namhafte Zeitschriften arbeitet. Trotz des geschichtlichen Hintergrunds und der Thematik ist das Buch auch unterhaltsam. 

Es ist eine gelungene Biographie zweier Menschen. Eine bittersüße, wehmütige, jedoch nie melodramatische Liebesgeschichte.


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