Sonntag, 20. Juli 2014

Review | Jay Asher - Tote Mädchen lügen nicht




Als Clay Jensen aus der Schule nach Hause kommt, findet er ein Päckchen mit 13 Kassetten vor. Er legt die erste in einen alten Kassettenrekorder, drückt auf „Play“ – und hört die Stimme von Hannah Baker. Hannah, seine ehemalige Mitschülerin. Hannah, für die er heimlich schwärmte. Hannah, die sich vor zwei Wochen umgebracht hat. Mit ihrer Stimme im Ohr wandert Clay durch die Nacht, und was er hört, lässt ihm den Atem stocken. Dreizehn Gründe sind es, die zu ihrem Selbstmord geführt haben, dreizehn Personen, die daran ihren Anteil haben. Clay ist einer davon...


~*~


Ergreifend und berührend fand ich das Erstlingswerk des Amerikaners Jay Asher. Deshalb muss ich in dieser Rezension einfach zwei Stellen aus dem Buch zitieren:

„Hallo zusammen. Hier spricht Hannah Baker. Live und in Stereo.
Keine Widerkehr, keine Zugabe. […] Und diesmal auch absolut ohne Forderungen. […] Ich hoffe, ihr seid bereit, denn ich will euch die Geschichte meines Lebens erzählen. Genauer gesagt, warum mein Leben ein Ende fand. Und wenn ihr diese Kassetten hört, dann seid ihr einer der Gründe dafür.[…] Ich werde nicht verraten, welche Kassette wen von euch ins Spiel bringt. Aber keine Sorge, wer diese hübsche kleine Schachtel bekommen hat, dessen Name wird irgendwann auftauchen, versprochen!“


Ein Karton mit dreizehn Kassetten steht vor Clay. Dreizehn Gründe für einen Selbstmord und der Schüler ist einer davon. Wenn er anfangs noch an einen Scherz geglaubt hat, dann muss er bald feststellen, dass er falsch liegt. Denn die ersten Personen, über die Hannah auf den Kassetten erzählt, sind nur zu real. Sie alle gehen auf dieselbe Schule.  

Der Junge, dem sie ihren ersten Kuss gab; die ehemals beste Freundin; das beliebteste Mädchen, der „Spanner“; die Typen, die sie ausnutzten, jeder auf seine Art und Weise; jener, der sich mehr nahm, als sie zu geben bereit war.

Also hört Clay sich die Kassetten an. Jede einzelne davon, während er durch die Straßen der Stadt zieht, um jene Orte zu besuchen, von denen Hannah erzählt, und dabei an seine persönlichen Begegnungen mit ihr zu denken.

Auf einer der hinteren Kassetten taucht dann auch sein Name auf: Clay Jensen. Und dazu ihre gemeinsame, ganz persönliche Geschichte. Hätte er sie retten können? Wenn er anders gehandelt hätte, wäre es zu verhindern gewesen?

Als schließlich die letzte Kassette endet, weiß Clay, was wirklich geschehen ist. Weshalb Hannah sich aufgab. Als sie Hilfe am dringendsten gebraucht hätte, war sie abgewiesen worden. Von jemandem, dessen Aufgabe eigentlich darin bestand, zu helfen. 
 

„Klick. Ende der Aufnahme. […]
Das Gesicht noch immer gegen die Stäbe gepresst, breche ich in Tränen aus. […]
„Es tut mir leid.“ Das waren ihre Worte. Und wann immer ich sie in Zukunft höre, werde ich an sie denken. Doch einigen von uns werden sie nicht über die Lippen kommen. Einige werden ihr nicht verzeihen, dass sie sich umgebracht und anderen die Schuld daran gegeben hat.
Ich hätte ihr geholfen, wenn sie es zugelassen hätte. Ich hätte ihr geholfen, weil ich wollte, dass sie lebt.“


Was soll man tun, wenn sich das Schicksal nicht verändern lässt? Verzweifelt man oder beginnt man das Leben nun aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten? Lebt man intensiver?

Tote Mädchen lügen nicht“ baut nicht auf Spannung auf. Das Ende ist von vornherein bekannt und doch wird es niemals langweilig. Wie viel muss geschehen, ehe ein Mensch aufgibt? Natürlich ist es jede Person anders. Manche sind stärker, manche schwächer. Einige beliebt und andere das hässliche Entlein, auf dem alle herumhacken. 

Hannah hat es sich meiner Meinung nach einfach gemacht. Andererseits kann man sich nur schwer in einen verschlossenen Menschen hineinversetzten. Man kann nicht wissen, was er fühlt oder wie er handelt. Hannah hat sich umgebracht. Die Schuld dafür gibt sie jedoch anderen. Während sie Befreiung fand, lastet das Wissen nun schwer auf den Schultern dieser dreizehn Menschen. Einige von ihnen werden sich wahrscheinlich nicht großartig darum kümmern, andere wie Clay trifft es schwer. Wollte er ihr doch helfen, hat sich aber nur nicht getraut. Dennoch deutet das Ende des Buches auf einen Fortschritt hin. Clay hat sich weiterentwickelt. Er wird aktiv. Jetzt wo er die Wahrheit kennt, weiß er was er tun muss. Und das ist die Moral der Geschichte. 

Ein Buch, das mit Mobbing eine aktuelle Thematik behandelt, das zwischen der Unmenge an Fantasy-Neuheiten heraussticht und den Leser zum Nachdenken anregt. Für alle, die genug von Engeln, Vampiren, Werwölfen haben und auf der Suche nach eindringlicher, schön geschriebener Lektüre sind.




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